Schenkenberg. Hand aufs Herz: In fast jeder Sakristei oder in den Tiefen der dunklen Gemeindearchive schlummert sie – die Kiste mit den „Ehemaligen“. Da finden sich verbeulte Zinnbecher, deren Glanz schon vor der Erfindung des elektrischen Lichts verflogen ist, oder Patenen, die so viel Patina angesetzt haben, dass man sie fast für archäologische Funde aus der Steinzeit halten könnte. Man ist geneigt zu sagen: „Das kann weg, wir haben doch jetzt die schicken neuen Edelstahl-Becher!“ Aber halt – bevor der Schrottcontainer gerufen wird, lohnt sich ein zweiter Blick.

Abendmahlskelch aus der Kirchengemeinde Kyhna vor und nach der Restauration. Fotos: Andreas Bechert
Diesen „zweiten Blick“ hat auch Pfarrer Matthias Taatz aus Schenkenberg. Zu seinem Pfarrbereich zählen 16 Kirchen – überall gibt es liturgische Gerätschaften aus den vergangenen Jahrhunderten. Er ist der Meinung: „Diese sogenannten Vasa sacra sind viel mehr als nur altes Metall. Sie sind die stummen Zeugen unzähliger Sonntage. Denken wir mal drüber nach: Aus diesem Kelch haben vielleicht schon die Ur-Ur-Ur-Großeltern getrunken, während sie inständig um Regen für die Ernte oder den Frieden in der Welt beteten. Diese Stücke sind quasi ‚geronnene Gemeindegeschichte‘. Wenn wir sie restaurieren lassen, ist das kein unnötiger Luxus, sondern eine Form von Wertschätzung gegenüber den Vorfahren, die oft ihr letztes Hemd für eine Stiftung an die Kirche gegeben haben und gegenüber unserer eigenen Identität.“ Ein weiteres Einsatzgebiet der vielen Abendmahlskelche ergab sich unter den Sicherheitsbestimmungen während der Corona-Zeit. Pfarrer Taatz hatte dabei die Idee, dass jeder Konfirmand bei der Konfirmation seinen „eigenen“ Abendmahlskelch bekommen sollte, um so ein eventuelles Ansteckungsrisiko weiter zu minimieren. Aus diesem Notstand wurde eine schöne Tradition, die bis heute bei der Konfirmation zelebriert wird.

Bei der Konfirmation werden – seit der Corona-Zeit – alle Abendmahlskelche aus dem Pfarrbereich zusammen geholt, so dass jeder Konfirmand einen eigenen Kelch bekommt. Foto: Andreas Bechert
Eine professionelle Kur beim Restaurator bewahrt diese Schätze davor, irgendwann einfach zu Staub zu zerfallen. Matthias Taatz hat sich dazu professionelle Hilfe ins Boot geholt – in Form von Diplom-Restauratorin Christina Neubacher aus Leipzig. Im Sommer 2024 traf man sich zu einer „Begutachtungs-Runde“ und wählte die ersten Objekte aus. Entsprechende Angebote dazu lagen wenige Wochen später aus Leipzig vor. Der Spendenaufruf zur Finanzierung der Restaurierung der liturgischen Geräte erging medial über die Schenkenberger Homepage, plakativ über Aushänge in den Kirchenschaukästen und verbal über die Abkündigung von der Kanzel. Im Frühjahr 2025 startete diese Aktion und traf auf eine gute Resonanz in den Kirchgemeinden. Über 10 Objekte konnten restauriert und somit der Nachwelt erhalten werden. Pfarrer Taatz holte die neuen Schmuckstücke höchstpersönlich im Februar dieses Jahres in Leipzig ab. Jetzt wurde im Pfarrbereich Schenkenberg eine zweite Restaurations-Runde gestartet. Erste Gelder sind bereits eingegangen...

Im Februar 2026 konnte Pfarrer Matthias Taatz die ersten fertig restaurieren Gerätschaften aus der Werkstatt der Leipziger Restauratorin abholen. Foto: Andreas Bechert
Bleibt die Frage: Und was machen wir dann damit, wenn sie nicht auf dem Altar stehen? Ganz einfach: Wir machen sie zum Star! Ein kleiner Glaskasten im Gemeindehaus oder eine beleuchtete Nische in der Kirche macht aus altem „Krempel“ einen echten Kirchenschatz. Das ist nicht nur was fürs Auge, sondern auch perfekt für den Konfirmandenunterricht. Wenn man den Jugendlichen erklärt, dass dieser Kelch schon den Dreißigjährigen Krieg oder die Einführung der Reformation in der Region miterlebt hat, wird Geschichte plötzlich „anfassbar“ – und deutlich spannender als jedes vergilbte Lehrbuch. Andreas Bechert
