Seit zehn Jahren bilden ein Kantor und vier Sängerinnen das musikalische Quintett Anima. Zur Erfolgs- gehört die Lebensgeschichte des Musikers
Bad Düben. Vier Damen, die singen, und ein Mann am Keyboard, während die Gäste im Gras auf einer Decke sitzen und ein Glas trinken – an einem lauschigen Sommerabend im Pfarrgarten von St. Nikolai in Bad Düben gehen, wenn das Vokalensemble Anima unter dem Motto „Gemeinschaft erleben, zusammenrücken und teilen“ zum Picknick-Konzert einlädt.
In den nunmehr über zehn Jahren ihres Bestehens soll ein solches Konzert erstmals stattfinden. „Damit dieser Abend perfekt wird, bringen Sie eine Decke sowie ein kleines Picknick für sich und Ihren Nachbarn mit. Zusätzlich sind auch Bänke vorhanden. Und wer in der Küche keine gute Idee hat, der kann auch belegte Brote sowie Getränke gegen Spende erwerben“, werben die rührigen Initiatoren für dieses Event.
Anima – das sind Daniela Peschel-Droske, Dorothee Schellenberger-Schübel, Stefanie Peschel und Henriette Lippold. Sie sind zwischen Anfang und Mitte 40, arbeiten im Bibliothekswesen, in der Friseurbranche oder als TV-Produzentin. Als Gesangsformation beleben sie seit zehn Jahren das kulturelle und musikalische Leben in Bad Düben und darüber hinaus.
Norbert Britze arbeitet seit 1997 als Kantor in Bad Düben
Kantor Norbert Britze vervollständigt das musikalische Quintett, das vor über zehn Jahren durch einen Zufall – die Hochzeit von Henriette Lippolds Schwester, der Radio-Moderatorin Friederike Holzapfel – zusammenfand, und das seitdem zu einem Erfolgsprojekt avancierte. Soweit es Beruf und Familienleben zulassen, wird es neben dem Open-Air-Auftritt in diesem Jahr weitere geben, so unter anderem in der Weihnachtszeit.
Die Geschichte von Anima gehört auch zur Lebensgeschichte von Norbert Britze, der von Geburt an blind ist. Seit 1997 arbeitet der Kirchenmusiker als Kantor und Organist in Bad Düben, leitet mehrere Chöre, macht Musik in Kindertagesstätten und Altenheimen. Daneben unterstützt er die Blindenbücherei in Leipzig bei der Übersetzung von Musikstücken in Braillenoten, also Noten in Blindenschrift.
Berufswunsch Musiker: Es gab auch Skepsis
Die Musik zieht sich seit der Kindheit durch sein Leben. Mit 13 lernt er Klavier, mit 16 nimmt er Orgelunterricht. Später studiert er Kirchenmusik in Görlitz. Die Entscheidung für das Studium fiel aus verschiedenen Gründen, wie Norbert Britze erklärt. „Ich bin zum einen von Haus aus christliche erzogen worden, am anderen hat mich die Musik einfach angesprochen, und es war auch eine Alternative zu dem, was der Staat zu DDR-Zeiten so geboten hat“.
Die Reaktionen aus seinem Umfeld, die Musik zum Beruf machen zu wollen, seien überwiegend wohlwollend gewesen. „Es gab schon auch Skepsis, dass das als Blinder natürlich schwierig wird. Es war beides dabei“, sagt Britze. Bei der Gehörbildung, die einen großen Teil seines Musikstudiums einnahm, habe er sogar öfter mal einen Vorteil gegenüber seinen Kommilitonen gehabt.
Das Einzige, was in seinem Studium weggefallen sei, sei das Spielen vom Blatt gewesen. „Um ein Stück zu lernen, muss man es lesen, aber letzten Endes spielt man dann auswendig, weil man zum Spielen beide Hände braucht“, erklärt Britze. Um ein neues Stück zu lernen, sind sehbehinderte und blinde Menschen auf Braillenoten angewiesen – oder spielen nach Gehör.
Zum Erlernen eines Instruments mit Sehbehinderung sagt Reiner Delgado, Sozialreferent beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband. „Schwierigkeiten gibt es schon“. Man könne sich zum Beispiel nicht bei anderen abgucken, wie sie das Instrument halten, erklärt er. Das mache den Lernprozess natürlich insgesamt langsamer.
Obwohl er den ganzen Tag Musik macht, hört Britze auch privat gern Musik. „Entweder zur beruflichen bzw. privaten Weiterbildung – oder einfach was im Radio läuft, das ist dann aber meistens nicht gezielt“, erklärt er. Eine musikalische Lieblingsrichtung hat der 53-Jährige nicht. „Wenn man beruflich Musik macht, findet man ab vielen Stücken was Interessantes“.
Quelle: LVZ | 8.6.2023 | Birgit Zimmermann, Kathrin Kabelitz