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Bildungshaus Sausedlitz

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„Um fünf an der Scheibe“

„Um fünf an der Scheibe“

„Um fünf an der Scheibe“

„Mir ist es – auch wenn es pathetisch klingt – jedes Mal schlichtweg eine Ehre, an diesem Instrument von Johann Scheibe zu sitzen, auf dem auch Bach selbst gespielt hat!“ Dieser Satz stammt von Dr. Ringo Ullrich, ein passionierter Musiker und Pädagoge, der seit gut drei Jahrzehnten unermüdlich daran arbeitet, die weitläufig noch immer völlig unterschätzte Bedeutung von Musik insbesondere für die kindliche Entwicklung in den unbedingten Fokus von Schulbildung und Gesellschaftsverantwortung zu rücken. Dr. Ullrich übernahm 2020 die freigewordene Schulleiterstelle in Zschortau und erinnert sich, dass ihm bereits am ersten Tag bei Amtsantritt eine Lehrerin auf die gegenüberliegende St. Nikolai-Kirche aufmerksam machte und dabei besonders die Johann Scheibe Orgel in den Mittelpunkt ihrer Offerte rückte. Es dauerte auch nicht allzu lange Zeit, dann konnte er sich in der Kirche selbst ein Bild machen: „Als ich vor der Orgel stand, war mir sofort klar, dass dieses Instrument ein einzigartiger, unbedingt zu bewahrender musikhistorischer und zugleich kultureller Schatz ist.“

Zschortau Dr Ringo Ullrich FotoSENF DSCF8596 webWer die Dorfkirche in Zschortau zum ersten Mal erblickt, ahnt noch nichts von diesem „Schatz“, der sich in ihrem Inneren befindet. Der Kirchbau stammt aus dem 12./13. Jahrhundert. Von damals ist heute nur noch der mächtige romanische querrechteckige Westturm erhalten geblieben. Ein Umbau erfolgte um anno 1500. Dabei wurden Schiff und Chor erheblich vergrößert sowie eine Sakristei angebaut. Das Bauwerk ist als Bruchsteinbau mit Backsteinanteil ausgeführt. Das Kircheninnere wird von einem Netzgewölbe mit farbig gefassten Rippen und Resten von Flammen- und Strahlenmalereien gen Himmel abgeschlossen. Es gibt drei schlichte hölzerne Emporen, einen Schnitzaltar und einen neugotische Taufstein. Der erste Gedanke ist: ‚Alles schon tausendmal gesehen…‘, wenn da nicht die Johann Scheibe Orgel auf der Mittelempore thronen würde.

Johann Scheibe? Nie gehört! Wer war dieser Mann? Johann Scheibe erblickte vermutlich um 1675 in Zschortau das Licht der Welt und wurde 1748 in Leipzig von seinem Schöpfer heimgerufen. Er war ab 1705 als Orgel- und Instrumentenmacher in Leipzig tätig. Im Auftrag der Universität Leipzig arbeitete er sogar als „Universitäts-Orgelmacher“. Scheibe führte Erweiterungen und Reparaturen an bestehenden Orgeln durch und baute mehrere neue Orgeln in und außerhalb der Stadt. Im 17. Jahrhundert erlebte der Orgelbau in Deutschland eine erste Blütezeit. Damals entstanden viele bedeutende Orgeln, die noch heute zu den Meisterwerken des Orgelbaus zählen. Zu den bekanntesten Orgelbauern dieser Zeit gehörten Gottfried Silbermann, Arp Schnitger und Andreas Silbermann. Johann Scheibe in den Annalen zu finden ist schwer. Die Anzahl seiner Open ist überschaubar. Orgel-Neubauten aus seiner Werkstatt standen in Leipzig in der Paulinerkirche und in der Johanniskirche, weiterhin in den Kirchen von Gundorf, Wachau und in Zschortau. Orgel-Reparaturen führte er in der Leipziger Nikolaikirche, Neue Kirche und Thomaskirche aus sowie an den Orgeln in Podelwitz und Schmölln.

Doch seinen guten Ruf verdankte er einem Zeitgenossen, guten Freund und weltweit bekannten Musiker: Johann Sebastian Bach! Dieser nahm mehrere seiner Orgelneubauten ab. Während der Zeit, in der Bach in Leipzig wirkte, war Johann Scheibe mit den meisten Reparaturen, Sanierungen und Neubauten beinahe aller Leipziger Orgeln betraut. J. S. Bach also, der wohl höchst geachtetste Tastenvirtuose, Komponist und Orgelbauexperte seiner Zeit, setzte sein Vertrauen über Jahre hinweg in genau jenen Mann – ein viel größeres Zeugnis für die Fähigkeiten von Johann Scheibe mag es wohl nicht geben. Nach Aussage des Bach-Schülers Johann Friedrich Agricola wurde z.B. die neue Orgel der Leipziger Johanniskirche „nach der strengsten Untersuchung, die vielleicht jemals über eine Orgel gegangen ist, von dem Hrn. C. M. Joh. Seb. Bach, und dem Hrn. Zacharias Hildebrand für untadelig erkannt.“ Keines der Orgelwerke von Scheibe hat die Wirren der Zeit überdauert – außer die Orgel in der Kirche St. Nikolai in Zschortau. Sie wurde damals als Neubau ebenfalls von Bach abgenommen. Scheibe baute die Orgel 1745/46 – einmanualig mit Pedal und 13 Klingstimmen. Sie wurde im Jahr 2000 auf den ursprünglichen Zustand restauriert und 2009 von der Orgelbaufirma Hermann Eule (Bautzen) saniert.

Die Bedeutung der Scheibe-Orgel in Zschortau liegt also in zwei Punkten begründet: Sie ist erstens das letzte erhaltene Werk des Leipziger Orgelbaumeisters. Sie ist zum zweiten in ihrem Pfeifenbestand bis heute erhalten geblieben. Die Romantisierungen aus dem 19. Jahrhundert wurden in den 90er Jahren wieder beseitigt. Die Orgel ist heute wieder in ihrem barocken Ursprungszustand aus dem Jahre 1746. Sogar die Farbfassung dieser Zeit ist noch vorhanden. Sie wurde im Jahr 2009 freigelegt, restauriert und ergänzt, so dass die Orgel jetzt wieder in ihrem ursprünglichen Glanz erstrahlt. Vor allem berühmt ist unsere Orgel aber durch ein Gutachten, dass Johann Sebastian Bach im Jahre 1746 nach ihrer Errichtung angefertigt hat. Er meinte, dass „alles tüchtig, fleißig und wohlerbauet“ sei. Das Original dieser Urkunde befindet sich heute im British Museum in London. Die Scheibe-Orgel in Zschortau erklingt nun wieder regelmäßig in den Gottesdiensten, zu Konzerten und seit gut 1 ½ Jahren regelmäßig in der Konzertreihe „Um fünf an der Scheibe“. Und an dieser Stelle kommt nun Dr. Ringo Ullrich ins Spiel…

Für Zschortaus Pfarrer Daniel Senf war der unerwartete Zuzug von Ringo Ullrich ein „Sechser im Lotto“! Er sagt: „Was nützt die bestens sanierte Orgel in der Kirche, wenn sie keiner spielt!?“ Jeder, der eine gewisse Ahnung von Orgeln hat weiß, dass sie nur dann in Funktion bleibt, wenn sich regelmäßig einer auf die Orgelbank setzt, alle Register zieht und alle Pfeifen zum Klingen bringt. Doch dass dieser „eine“ nun der neue Schuldirektor von Gegenüber sein wird, war Daniel Senf damals noch nicht ganz klar. Gottes Wege sind halt manchmal unergründlich…

Dr. Ringo Ullrich wurde scheinbar die Musik schon in die Wiege gelegt. Seine Eltern – bekennende Beatles-Fans – hatten es damals offensichtlich auch nicht schwer, einen passenden Vornamen für ihren Jungen zu finden. Der Name war Programm: Ringo Ullrich studierte in Chemnitz und Leipzig Komposition und Klavier, wobei er während dieser Studiosizeit alle weiteren gängigen Tasteninstrumente, zumindest grundständig, erlernte. Das eröffnet zwangsläufig die Frage, warum dann plötzlich aus dem Musiker Ringo der Schuldirektor Dr. Ullrich wurde? Antwort: „Zur Grundschulpädagogik und zum Schulleiter kam ich dann, als ich auf verschiedenen Wegen die Bedeutung der Musik für die kindliche Entwicklung und das kindliche Lernen entdeckte und wissenschaftlich zu erforschen begann. Und damit geht es mir letztendlich um die Kinder. Was wir ihnen weitergeben, bestimmt unweigerlich unser aller Zukunft. Und meiner Erfahrung und Forschungen nach ist Musik absolut fundamental für die menschliche Entwicklung. Dabei geht es nicht darum, Kinder zu Genies an irgendwelchen Instrumenten auszubilden. Sondern es geht um den tatsächlich überwältigenden Einfluss, den Musik in Form von Klang und Rhythmus auf die physische, psychische und kognitive Entwicklung jedes Menschen von Beginn an hat. Deswegen haben kleine Kinder z.B. auf ganz natürliche Weise auch so viel Freude am Singen, Tanzen und Hören – dies ist schlichtweg ein Motor, ein Katalysator zur grundlegenden Entfaltung der individuellen Fähigkeiten. Der Erziehung und Bildung kommt hierbei eine hohe Verantwortung zu.“

In Zschortau konnte Ringo Ullrich nun zwei seiner Herzensangelegenheiten optimal verbinden: Musikalische Ausbildung und die Bewahrung von musikalischem Kulturgut. Obgleich er ganz tief zunächst mit dem Klavier verbunden ist und sich von dort aus eine Begeisterung für jegliche Tasteninstrumente entwickelt hat, so stellt für ihn die Orgel vor allem in ihrer direkten akustischen, d. h. live erklingenden Wirkung etwas außergewöhnliches dar. Ringo Ullrich: „Die Orgel ist eines der facettenreichsten, faszinierendsten und ergreifendsten Instrumente. Das spüre ich auch, wenn z. B. Kinder die Orgel zum ersten Mal kennenlernen, ihren Bau und ihren Klangreichtum. Zumeist sieht man da pure Begeisterung in ihren Augen! Wenn man ein so altes Instrument, das nicht wenige Menschen als schlichtweg antiquiert betrachten, bewahren möchte, muss es an die nächsten Generationen, also an die Kinder und die Jugendlichen weitergegeben werden, und es muss begeistern können, ansonsten scheitert die Weitergabe!“

Um all das in die Tat umzusetzen, gründete er vor drei Jahren mit anderen Gleichgesinnten und Kirchgemeindemitgliedern die „Johann Scheibe Musikschule und Historische Orgelstätte Zschortau“, in Form eines gemeinnützigen Vereins. Ringo Ullrich: „Johann Scheibe, J. S. Bach, die Orgel und die damit verbundene auch musikalische Tradition in Zschortau sind für sich schon ein bedeutendes Potential. Hinzu kam das schon vor meinem Amtsantritt in Zschortau gegebene musische Konzept der Grundschule, das ich in meiner schulischen Arbeit nur noch aufgreifen musste – es zeigte sich sofort viel Interesse bei Kindern und Erwachsenen an musikalischer Ausbildung sowie am Erlernen eines Instruments. Und dies letztlich in Verbindung mit der Kirche und ihrer Orgel stellt, salopp formuliert, einen super ‚Campus‘ für Zschortau dar.“ Da kommt wieder der Student zum Vorschein, der später seinen Doktor machte mit einer Promotion auf dem Gebiet der Bedeutung von Musik für die menschliche Entwicklung, insbesondere ihres Einflusses auf die kindliche Entwicklung und das kindliche Lernen im Grundschulalter.

Seit gut 1 ½ Jahren ist er nun an der Scheibe-Orgel live zu hören. Die Evangelische Kirchengemeinde bewirbt die Veranstaltung so: „Um Fünf an der Scheibe – Raum und Zeit für Musik von gestern und heute und aus aller Welt • Immer am ersten Donnerstag des Monats erklingt für eine halbe Stunde die Scheibe-Orgel von 1746 in der Kirche St. Nikolai Zschortau. Dann schafft Dr. Ringo Ullrich Raum und Zeit für die erstaunliche Vielfalt von Orgelmusik unterschiedlicher Zeiten.“ Der musikalische Protagonist sagt selbst dazu: „Die Idee kam von mir, aber jede Idee braucht Menschen, die sie aufgreifen und zulassen, um realisiert werden zu können. Hierin fand ich den Pfarrer Daniel Senf als jemanden, der immer ein offenes Ohr hat, neue Ideen und Entwicklungen zu schätzen weiß und permanent unterstützt. Nur so konnte ‚Um Fünf an der Scheibe‘ zu dem werden, was der Zusatztitel ausdrückt, nämlich: ‚Raum und Zeit für Musik aus aller Welt‘ … das alles hat keinen virtuosen Konzertcharakter, sondern die Besucher und Zuhörer erwarten Musikstücke jeglicher passender Genres zur Ruhe und Besinnung, stets eine halbe Stunde lang oder kurz – Hauptsache es gefällt.“

Und es gefällt! Die halbe Stunde an der Scheibe-Orgel ist immer gut besucht – Tendenz steigend! Wer also nun einmal eine Bach-Orgel live erleben und hören möchte, der sollte nach dem nächsten Termin für „Um fünf an der Scheibe!“ Ausschau halten.

Angedacht und geplant sind außerdem weitere und regelmäßige Konzerte und Veranstaltungen auch an Wochenenden, Feiertagen – mit verschiedenen Solisten sowie Musiker-Ensembles. Zudem forciert der Verein eine wissenschaftliche Arbeit zu Johann Scheibe. Der ehemalige Ortschronist Prof. Dr. Michler hat über Jahre hinweg einen großartigen Fundus an Materialien zur Entstehung der Orgel gesammelt, die einer unbedingten musikwissenschaftlichen Untersuchung bedürfen. Interessenbekundungen bezüglich Konzertdurchführung und wissenschaftlicher Arbeit werden dankbar entgegengenommen: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.. Andreas Bechert

Fotos Zschortau: Pfarrer Daniel Senf | Fotos Leipzig: Stephanie Bechert

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13 Apr. 2024;
10:00 -
Eilenburg, Umwelttag
13 Apr. 2024;
19:00 -
Bad Düben, Konzert
13 Apr. 2024;
19:00 -
Schenkenberg, Lesungskonzert
14 Apr. 2024;
08:00 - 17:00 Uhr
Gottesdienste
14 Apr. 2024;
17:00 -
Krippehna, Sonntagsmusik

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Tageslosung vom
13.04.2024
Der lebendige Gott ist ein Retter und Nothelfer.
Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.

Wort zum Sonntag

→  „Landlust oder Landflucht?“

Silvana Elbel-Ochocki
Gemeinde- und Religionspädagogin im Kirchenbezirk Leisnig-Oschatz

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Orgeleinweihung und Konzert in Liemehna: Am Pfingstsamstag, den 18. Mai, wird Kantor Norbert Britze auf der sanierten und nach mehreren Jahrzehnten erstmalig wieder vollständig spielbaren Rühlmann-Orgel in Liemehna ein Konzert geben. Damit wird das Instrument auch wieder feierlich eingeweiht. Das Konzert beginnt um 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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